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(Deutsch) Obsoleszenz: Leben in der Wegwerfgesellschaft

18.06.2014

Obsoleszenz: Leben in der Wegwerfgesellschaft

 

„Fehlermeldung“. Schon wieder will der Drucker nicht. Was ist es diesmal? Die Tintenpatrone ist voll, das Papier eingelegt, der Scanner funktioniert, dennoch: „Fehlermeldung“. Was jetzt? Reparatur? Die Garantie ist abgelaufen, der Drucker ist nicht mehr der neuste und ein Techniker ist teuer. Was hilft? Wegschmeißen. Neukauf.

Was viele hier hinter vermuten nennt man das Phänomen der „geplanten Obsoleszenz“; vom Hersteller geplanter Verschleiß, ein quasi bei der Produktion eingebautes Verfallsdatum, idealerweise natürlich kurz nach Ablauf der Garantie.
Tatsächlich ist diese Vermutung kein von Verschwörungstheoretikern aus der Luft gegriffener Vorwurf. Das wohl bekannteste Beispiel für geplante Obsoleszenz ist der Fall rund um das 1924 gegründete Phoebuskartell, welches es sich zur Aufgabe gemacht hatte die allgemeine Lebensdauer von Glühlampen zu verkürzen. Doch wieso? Glühlampen hatten im Jahr 1924 eine rasante technische Entwicklung hinter sich, sie waren nicht mehr die kurzlebigen Prototypen die Thomas Edison noch 50 Jahre zuvor entwarf, sondern robuste, leistungsstarke Lichtspender die teilweise beeindruckende Langlebigkeit bewiesen. Der Rekordhalter unter Ihnen ist wohl die „Cenntenial Light“ eine Glühbirne die in der Feuerwehrwache des amerikanischen Städtchens Livermore bereits seit 112 Jahren brennt (davon kann man sich übrigens selbst per Webcam „Bulb-stream“ überzeugen).

 Die Centennial Light ( deut. „Hundertjähriges Licht“)

 

Für die Industrie barg die Langlebigkeit der Glühbirnen jedoch ein Problem: Durch die, durch die Langlebigkeit bedingte, sinkende Nachfrage sanken die Verkaufszahlen und damit auch der Gewinn.

Das Ziel die Lebensdauer von Glühbirnen zu beschränken erreichte das Phoebuskartell durch Verbreitung minderwertiger Glühbirnen relativ schnell, da es mit sämtlichen Mitgliedsgesellschaften beinahe 80% des Marktes abdeckte. Bis zu seiner Zerschlagung 1942 erreichte das Kartell eine Herabsenkung der durchschnittlichen Lebensdauer aller sich auf dem Markt befindenden Glühbirnen auf rund 1000 Stunden.

Doch hinter unserem Drucker steht mehr als die (oftmals schwer zu beweisende) geplante Obsoleszenz des Herstellers.

Obsoleszenz hat viele Gesichter. Wieso beispielsweise wird der Drucker nicht mehr repariert? Sätze wie „Dieses Produkt ist leider veraltet und wird vom Support nicht mehr unterstützt“ gehören zu den Standardantworten eines Herstellers bei Reparaturwunsch eines mehr als 5 Jahre alten Produktes. Ersatzteile lagert der Hersteller nicht ein, das würde zu hohe Lagerkosten bei zu wenig Gewinn nach sich ziehen. Trotz allem ist eine Reparatur beim Techniker möglich, jedoch zu horrenden Preisen zu denen man oft ein neueres, leistungsstärkeres Produkt bekommen würde.

 

 Ausgediente Drucker und Elektrogeräte

 

Neuer und Leistungsstärker sind hierbei die Stichworte auf die es ankommt. Denn nicht nur die Hersteller tragen die Schuld dafür, dass wir so viel wegwerfen, auch wir selbst, unsere gesellschaftliche Mentalität, trägt maßgeblich zu dem Problem bei. Die Mentalität nach der wir leben, nach der wir kaufen, gründet sich einzig auf Maximen einer kapitalistischen Konsumgesellschaft; die Wirtschaft muss wachsen und damit sie das kann müssen Verkaufszahlen generiert werden. Produkte werden auf den Markt geworfen in immer kürzeren Abständen folgt Modell auf Modell und wir rennen jeder Neuheit hinterher, im Hinterkopf ständig die Angst gesellschaftlich weniger akzeptiert zu werden wenn man nicht permanent Up-to-Date ist, man eben nicht ständig das neueste Handy, die neuste Konsole, das neuste Auto hat.
Hersteller wie beispielsweise Apple unterstützen diese Entwicklung zusätzlich; durch Verweigerung von Reparatur bei Veraltung und darüber hinaus noch durch Verhinderung von eigener Reparatur, bspw. durch das unmöglich machen von manuellem Akkuaustausch.
Und während so unser Müllberg wächst, wird uns suggeriert, dass man durch das Besitzen eines bestimmten Gegenstandes, einer bestimmten Neuerung, Teil einer privilegierten Subkultur sei die „Anders denkt“. Aber denkt nicht jeder gleich wenn alle „anders“ denken?

Übermäßiger Verbrauch von Konsumgütern hat in unserer Gesellschaft aber auch traditionellen Bezug: Produzierte Henry Ford im Jahr 1920 noch widerstandsfähige All-Round Autos wie den Ford T, so musste er schon bald einen Rückgang seiner Gewinnspanne ob der Haltbarkeit seiner Fahrzeuge feststellen. Die Lösung bot der Konkurrent Chevrolet mit der Einführung der Jahresmodelle im Jahr 1927, es wurden in kürzeren Zeitabständen günstigere Autos  auf den Markt geworfen deren innovativer Schwerpunkt nicht länger auf der Technik sondern auf dem Design lag. Letztendlich griff diese Entwicklung bis zu den 1950er Jahren auf fast alle Branchen des westlichen Marktes über. Konsum und Kauf, allein um der Aktualität der Modelle willen, war Usus geworden. Doch die größte Problematik die mit dieser Entwicklung einherging, blieb der mit Konsumgütern gesättigten Gesellschaft der 1950er verborgen, eine Problematik vor der wir heute nicht mehr die Augen verschließen können: dem Müll.

 

 Müllsammler in Afrika

 

Durch den übermäßigen Konsum, dem Leichtfertigen Umgang mit Produkten und dem Verschwinden der Reparaturkultur in den reichen Ländern produzieren wir heute mehr Müll als je zuvor in unserer Geschichte. Wir produzieren so viel Müll, dass die Kapazitäten unserer eigenen Müllbeseitigungsmechanismen völlig überladen sind und so exportieren wir unseren Elektroschrott getarnt als „Gebrauchtgüter“ nach Afrika, wo er von Arbeitern zu menschenunwürdigen Bedingungen ausgeschlachtet wird. Kupfer wird aus Kabeln alter Computern gebrannt, Platinen zerlegt und Geräte in der Hoffnung auf kleinste Metalteile mit Steinen pulverisiert, während die Atmosphäre im Plastikrauch erstickt und Biotope im weggeworfenen Dreck versinken. Wir dagegen sind weit weg, wollen mit diesen Problemen nichts zu tun haben  und konsumieren unbekümmert weiter.

Doch welche Lösung gibt es? Welche Möglichkeiten mit dem Problem umzugehen ohne auf Konsum und Wohlstand zu verzichten?

Dass es prinzipiell auch anders gingen würde zeigte der Kommunismus: In einer Marktwirtschaft die nicht auf Wachstum sondern auf geplanter Einteilung und Nutzung von begrenzten Rohstoffen beruht, war Obsoleszenz kein gewünschter Effekt sondern ein Problem, dem mit maximaler Nachhaltigkeit von Produkten entgegengewirkt werden musste.

                                           
Dieser Kühlschrank aus der DDR sollte bis zu 25 Jahre halten

 

Doch wir leben im hier und jetzt. Mit dem Niedergang des Kommunismus folgte auch der Niedergang der Planwirtschaft. Letzten Endes bot diese trotz anderem Konzept aufgrund der Unumsetzbarkeit humaner Lebensbedingungen für alle Bürger letztlich keine zukunftsweisende Alternative für verwestlichte Nachfolgestaaten.

An der Situation an sich hat sich jedoch nichts geändert: Wir alle leben in einer Marktwirtschaft deren Wachstum größtenteils auf dem Verbrauch und der Verarbeitung begrenzter Ressourcen beruht.

Nichtsdestotrotz beginnen wir langsam aus unserem Konsumschlaf zu erwachen, die Fehler unseres Verhaltens werden uns gerade durch die immer offensichtlicher werdenden Konsequenzen desselben Verhaltens in der Vergangenheit immer bewusster. Auch heute und in Zukunft ist und wird nachhaltiger Konsum immer ein Thema und ein guter Ansatz für die Verbesserung unserer Situation sein. So gibt es auch heute neben der zunehmenden Verwendung biologisch abbaubarer und erneuerbaren Materialien zahlreiche Projekte die nachhaltigen Konsum unterstützen und popularisieren sollen.

 

 Idealer Kreislauf von Produkten des „Cradle to Cradle“ Projektes

 

Das populärste Beispiel eines solchen Projektes ist wohl das „Cradle to Cradle“ Konzept. Das vom deutschen Chemiker Michael Braungart entwickelte Konzept beschreibt die Idee eines Kreislaufes von Materialien in der Industrie: Genutzte Produkte sollen von den Herstellern zurückgenommen werden, in ihre Einzelteile zerlegt werden und letztendlich  genutzt werden um ein neues oder ein ähnliches Produkt aus den zurückgenommen Teilen herzustellen. Zur Anwendung kommt dieses Konzept bereits beispielsweise bei der Produktion von Bürostühlen der Firma Mirra oder bei der Produktion von Sitzbezügen für Flugzeuge der Firma Airbus.

Trotz solch innovativer Konzepte ist und wird die Obsoleszenz westlicher Konsumgesellschaften immer ein Problem bleiben, zumindest so lange bis rentablere umweltschonende Alternativen zur Produktion von Wegwerfgütern geboten werden. Bis dahin liegt die Obsoleszenz in unserer Hand, denn ein Gegenstand ist letzten Endes erst dann obsolet wenn wir ihn wegwerfen statt ihn zu reparieren, ihn gegen einen neueren austauschen oder durch Ignoranz seinen Wert verkennen. Wir sollten weniger bloße Konsumorganismen innerhalb einer Marktwirtschaft sein deren stagnierender Wachstum auf Ausschlachtung unseres Planeten und Produktion von nichtabbaubaren oder wiederverwertbaren Materialien  beruht, sondern viel mehr zukunftsorientierte nachhaltig und in Maßen konsumierende Individuen mit ressourcenorientierter Produktion sein.

Wäre unser Drucker in diesem Sinne produziert worden könnten wir ihn vielleicht noch retten, statt ihn wegzuwerfen und nach einem neuen zu greifen.

Für mehr Informationen

Für weitere Informationen zum Thema „Obsoleszenz“ kann ich die Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ (zu finden auf youtube.com) von Cosima Dannorizer nur wärmstens empfehlen. Sie bietet trotz zahlreicher Informationen einen leichten und objektiv recherchierten Einstieg ins Thema. Nicht empfehlen kann ich hingegen die Produktion der Serie Quarks&Co (entsprechende Folge „Heute gekauft, morgen kaputt“, ebenfalls einzusehen auf youtube.com), da diese neben Subjektiver Recherche nur wenig Informationen zum Thema enthält.

Trotz zahlreicher im Internet erreichbarer Artikel (siehe bspw. Quellenangaben) warne ich besonders vor Artikeln die sich mit dem Thema der „geplanten Obsoleszenz“ beschäftigen, da viele von ihnen leider sehr subjektiv verfasst sind. Für eine Objektive Auseinandersetzung mit dem Thema  kann ich jedoch auf den Artikel auf yahoo.com (http://de.finance.yahoo.com/nachrichten/geplante-obsoleszenz-%E2%80%93-kaufen-f%C3%BCr-den-schrotthaufen.html) und die in ihm verlinkten Folgeartikel verweisen. Trotz teilweise reißerischen Überschriften sind diese gut recherchiert.
Bei weiterem Interesse an „Cradle to Cradle“ empfehle ich die dazu gehörige Internetseite http://www.c2ccertified.org/ .
Sollte weiteres Interesse an der Geschichte der Konsumgesellschaft empfehle ich ins besondere Wolfgang Königs Artikel „Geschichte der Konsumgesellschaft“ erschienen in H-Soz-u-Kult 30.10.2001.

Quellen:

Dokumentation: „Kaufen für die Müllhalde“ von Cosima Dannorizer

http://www.centennialbulb.org/cam.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BChlampe#Beispiele_f.C3.BCr_l.C3.A4ngere_Lebensdauer

http://de.finance.yahoo.com/nachrichten/geplante-obsoleszenz-%E2%80%93-kaufen-f%C3%BCr-den-schrotthaufen.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Phoebuskartell#Regulierungen_durch_das_Kartell

http://de.wikipedia.org/wiki/Obsoleszenz

http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/1378283/Studie_Hersteller-bauen-in-ElektroGeraete-Defekte-ein

http://www.vol.at/gefaehrliche-elektroschrott-berge-in-schwellenlaendern/news-20100222-11572850

https://encrypted-tbn0.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcTj6tfzVGkn_FraYX9ekAOA9iYepxRQYOzWDjLietk3SuQP9GQl

http://www.madagasikara.de/PaterPedro/080629ppedro60jahre-kompl.html

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-21044-0122,_Leipziger_Messe,_VEB_K%C3%BChlanlagenbau_Dresden.jpg

http://www.innochem-online.de/ueber-uns/cradle-to-cradle/index.html
http://www.wirtschaftslexikon24.com/d/obsoleszenz/obsoleszenz.htm